Im Jahre 1886 wurde ich, Carl von Klezar, zum ersten Obmann des neu gegründeten Turnverein Wien Meidling 1886 erhoben. Welch große Ehre das doch war – und zugleich welch große Verantwortung. Ein neuer Turnverein. Neue Menschen. Neue Ideen.
Doch in stillen Stunden kamen mir auch Zweifel. Würde unser kleiner Verein Bestand haben? Würden die Menschen auch in vielen Jahren noch gemeinsam turnen, singen und feiern? Oder würde der Name „Wien Meidling“ bald wieder vergessen sein?
Eines Nachts jedoch hatte ich einen höchst sonderbaren Traum. So wirklich erschien er mir, dass ich schwören könnte, tatsächlich dort gewesen zu sein. Ich fand mich plötzlich in einer festlich geschmückten Turnhalle wieder. Menschen standen lachend beisammen, jung und alt – und alle trugen Tracht.
„Was ist hier denn los?“, dachte ich verwundert. Da hörte ich jemanden sagen: „Willkommen bei der 140-Jahr-Feier des ÖTB Wien Meidling!“
140 Jahre?! Na, das ist doch einmal etwas! Der Verein lebt also noch immer! Und nicht nur das – er scheint prächtig zu gedeihen. Wie ich weiter vernahm, fand dieses Jubiläum sogar im Rahmen des Wiener Jugendvolkstanzfestes statt. Na, da schau her! Überall wurde gelacht, jedem Gast wurden Blumen angesteckt, und die Stimmung war von solcher Herzlichkeit erfüllt, dass selbst meine größten Sorgen augenblicklich verschwanden.
So schnell konnte ich gar nicht schauen, begann auch schon der Auftanz und kurz darauf die Eröffnungsrede. Der Obmann des Jahres 2026 – ein gewisser Rolf Dessovic – trat nach vorne. Mit großer Freude sprach er über seinen Verein und besonders über seine vielen fleißigen Turnratsmitglieder, die mit ganzem Herzen dabei seien. Wie schön war es zu hören, dass sich der Verein auch nach 140 Jahren noch immer durch solch engagierte Menschen trägt. Nach den Ansprachen wurde sofort wieder getanzt. Was für ein Fest!
In der ersten Tanzpause zeigte die Jugend des Turnvereins Meidling ihre Turnkünste. Und da traute ich meinen Augen kaum: Die jungen Leute sprangen Salti auf einer langen, aufblasbaren Luftmatratze durch die Halle. Eine Luftmatratze zum Turnen! Erstaunlich, was die Zukunft alles hervorbringen würde. Das Publikum tobte vor Begeisterung und applaudierte lautstark, ehe erneut Musik erklang und weitergetanzt wurde.
Ich spazierte durch die Halle und belauschte hier und dort Gespräche. Die Menschen waren freundlich, fröhlich und voller Wärme miteinander. Viele schienen sich schon seit Jahren zu kennen.
Doch dann wurde es noch verrückter. In der zweiten Tanzpause traten zwei Damen nach vorne und präsentierten sogenannte „Filme“. Bewegte Bilder! Welch Zauberei! Der erste Film zeigte tatsächlich unsere Vereinsgründung im Jahre 1886. Wie um alles in der Welt hatten sie das nur gemacht?
Im zweiten Film sah ich Mitglieder des Turnvereins bei der Feuerwehr oder bei irgendeiner heldenhaften Rettungsaktion – ganz genau verstand ich das nicht. Doch sogar Kronprinz Rudolf hatte ihnen offenbar eine Ehrungstafel gewidmet – Na, ich war begeistert!
Die weiteren Filme waren dann sogar bunt und mit Musik unterlegt. Sie zeigten Turnstunden, Wettkämpfe, Ausflüge und allerlei fröhliche Szenen aus dem Vereinsleben. Was für ein Spaß das gewesen sein muss!
Und als ich dachte, schöner könne der Abend nicht mehr werden, traten einige Meidlinger nach vorne und sangen gemeinsam ein wunderbares Lied. Das gefiel mir besonders. Ich fasste sofort den Entschluss: Dafür werde ich mich einsetzen! Der Meidlinger Turnverein soll dafür bekannt werden, gut singen zu können! Wieder brandete tobender Applaus auf, es wurde gelacht, getanzt und gefeiert.
Ich setzte mich schließlich etwas abseits und beobachtete die Menschen. Wie sie miteinander redeten. Wie sie lachten. Wie aus jahrelanger Freundschaft offenbar echte Familie geworden war.
Da wusste ich plötzlich: Um unseren Verein muss ich mich nicht sorgen. Denn was ich dort sah, war weit mehr als nur ein Turnverein. Es war Gemeinschaft, Zusammenhalt, Freundschaft und Heimat. Etwas Schöneres könnte ich mir für den Turnverein Meidling auch nach 140 Jahren nicht wünschen. -Ida Lehner